| Deutsch ist
bei französischen Schülern nicht sehr beliebt Ibbenbüren/Gourdon . Gourdon,
diese 5000-Einwohner-Stadt im Süden Frankreichs, rund 150 Kilometer von Toulouse
entfernt, braucht den Kontakt zu Ibbenbüren. Das meinen Marielle Vanhois, Laure
Fougeroux und Jean-Claude Calmon, die Lehrer der Lycée Mixte. Sie kehrten mit
ihren 20 Schülern von Ibbenbüren wieder in ihre Heimatstadt zurück - mit dem Gefühl,
eine "gute Zeit" in Ibbenbüren verbracht zu haben. Und mit der Gewissheit, dass
Gourdon und Ibbenbüren bald eine richtige Städtepartnerschaft verbinden sollte.
Mit den französischen Gästen und mit dem Schulleiter des Kepler-Gymnasiums sprach
Hinrich van Deest. Wie beurteilen Sie aus der Sicht des rund vierjährigen
Schulaustausches mit dem Kepler-Gymnasium die nun mögliche Städtepartnerschaft,
nachdem Ihre Bürgermeisterin vor wenigen Tagen die Stadt Ibbenbüren besucht hat?
Marielle Vanhois: Nun, unsere Heimatstadt ist ein kleines Radfahrerparadies, wir
haben viele Touristen, bei uns gibt es gute Möglichkeiten, zum Beispiel Kultur
und Theater im Sommer zu genießen - eine Städtepartnerschaft wird uns und auch
Ibbenbüren sicher neue Impulse geben - zum Beispiel in wirtschaftlicher Hinsicht,
aber auch in schulischer: Man kann neue, erweiterte Austauschformen anregen, etwa
den Austausch von sportlichen oder kulturellen Dingen, etwa Musik. Gibt
es da konkrete Dinge, an die Sie denken? Jean-Claude Calmon: Ja, in wirtschaftlicher
Hinsicht geht es natürlich um Ausstellungen, Messen oder Ähnliches, die Politiker
besprechen das. Ich als Pädagoge denke zum einen an unsere Schüler. Es ist so,
dass unsere Schüler - wir haben rund 700 in den Bereichen Realschule, Gymnasium
und Berufsschule - ja generell wenig reisen - einmal, weil wir in einer ländlichen
Gegend wohnen, dann auch aus finanziellen Gründen, denn ihre Familien sind nicht
reich. Für die Schüler und diese Familien bedeutet eine allgemeine Partnerschaft
auch, dass möglicherweise mehr Familien und mehr Kinder, auch außerhalb des bisherigen
Schüleraustausches, etwas von Ibbenbüren sehen und kennen lernen, was wir sehr
wünschen. Woran hätten Ihre Schüler, aber auch die Erwachsenen in Gourdon
möglicherweise ein besonderes Interesse? Laure Fougeroux: Ich denke da zum Beispiel
an den Austausch von Sportgruppen, man könnte auch ein gemeinsames Sportfest oder
Sporttreffen machen. Da käme zum Beispiel Handball in Frage, denn unsere Jugendlichen
spielen sehr gerne Handball, das ist bei uns sehr populär, populärer sogar als
Fußball, wo unsere Profis auch im Moment eigentlich sehr berühmt und auch gut
sind. Marielle Vanhois: Ich kann mir auch vorstellen, dass ein Chortreffen
gemacht wird, wir haben mehrere allgemeine Chöre in der Stadt, die sehr gerne
auftreten, so etwas verbindet auch viele Menschen, da sind dann sehr viele Menschen
beteiligt. Glauben Sie, dass bisherige Erfahrungen des Austausches mit dem Kepler-Gymnasium
so in einem neuen Zusammenhang zu sehen sind? Marielle Vanhois: Ja sicher. Wir
können ja nicht verhehlen, dass wir zurzeit einen Trend haben, dass immer weniger
Schüler die deutsche Sprache lernen wollen. Vielen erscheint die Sprache als zu
schwer, was ich als Deutschlehrerin eigentlich nicht bestätigen kann, von der
Natur der Sprache her. Aber es ist mehr eine kulturell-ökonomische Entwicklung:
Viele meinen, offensichtlich zu Recht, dass man Deutsch in Zukunft in vielen Berufen
nicht brauchen wird, meist wird ja schon überall Englisch gesprochen, bei Piloten
etwa, in Produktion und Handel, im Business, etwa in Firmen, die mit dem "Air-Bus"
zu tun haben. Da könnten durch neue Begegnungsmöglichkeiten, vor allem Freundschaften
und durch wirklich bedeutsame Kontakte, neue Anreize geschaffen werden, diese
Sprache zu erlernen, was natürlich auch umgekehrt für Jugendliche aus Ibbenbüren
gelten kann. Heinz Steingröver: Ich möchte aus der Sicht als Schulleiter
betonen, dass es für mich im Europa der Zukunft besonders wichtig erscheint, Kontakte
zu pflegen: Wie soll sonst der politische Begriff "Europa" mit einem Zusammenwachsen
der Kulturen, die ja immer auch eine nationale, auch regionale Seite haben, aufgefüllt
werden können? So gesehen hilft da keine "globale Kultur", sondern nur eine handgreifliche,
erfahrbare. Gerade die konkrete Erfahrung möglichst vieler Menschen ist nötig,
dass man sich auch woanders, in einem anderen Teil Europas, "zu Hause fühlen"
kann - wenn man von dem manchmal belasteten Begriff "Heimat" einmal absieht. Man
muss, auch um den Problemen vieler Austauschentwicklungen entgegenzutreten, viel
sehen, viel erleben, vieles "besprechen" können, um wieder zu erleben, dass jede
andere Sprache auch eine neue Weltsicht bedeutet. Wie sehen Sie Ihren
diesjährigen Besuch in Ibbenbüren, der nun zu Ende geht? Marielle Vanhois: Wir
haben tatsächlich, und das ist das Schöne daran, viel gesehen, viel erlebt - zum
Beispiel gehen wir gleich zum Abschluss noch alle zusammen ins Wellenbad, oder
auch die Ruhe in Ibbenbüren zu erleben, das war sehr schön. Zumal ich selbst neu
an unserer Schule bin und auch das erste Mal beim Austausch dabei. Ich glaube,
wir und unsere Schüler haben in den vergangenen Tagen nicht nur äußerlich viel
erlebt, sondern auch ein Stück "von innen her" gelernt, und das war uns besonders
wichtig. Quelle: Ibbenbürener Volkszeitung vom Mittwoch, 06. Juni
2001 |